Calvinismus

Der Calvinismus ist eine theologische Richtung innerhalb des Protestantismus, die auf die Lehren des Reformators Johannes Calvin zurückgeht und von dessen Nachfolgern auf der Synode von Dordrecht 1618-1619 in fünf grundlegenden Punkten formuliert wurden. Diese Punkte betreffen die Soteriologie, also die Lehre von der Errettung durch Jesus Christus, und damit einen sehr zentralen Aspekt des Evangeliums. Grundsätzlich geht es dabei um den Anteil Gottes und des Menschen an der Errettung. Auch wenn es unter Calvinisten beträchtliche Unterschiede gibt und nicht alle Calvinisten alle fünf Punkte vertreten betonen doch alle stark die Souveränität Gottes und sein Wirken. Uns als Freie Christliche Gemeinde erscheint dabei die menschliche Verantwortung manchmal zu wenig gesehen zu werden. Im Einzelnen beurteilen wir die fünf Punkte des Calvinismus folgendermaßen:

Völlige Verderbtheit

Gemeinsam erkennen wir an, dass der Mensch mit dem Sündenfall zum Feind Gottes geworden ist (Römer 5,10), dass in ihm nichts Gutes wohnt (Römer 7,18) und er als geistlich tot beschrieben werden kann (Epheser 2,1-3).

Im Unterschied zu manchen Calvinisten halten wir auch den gefallenen Menschen nicht für ausschließlich schlecht in dem Sinn, dass er zu keiner guten Handlung oder Reaktion mehr fähig wäre (vgl. Matthäus 7,9-11, Apostelgeschichte 17,26-27). Auch nach dem Sündenfall wird der Mensch in der Bibel noch als Ebenbild Gottes bezeichnet (1.Mose 9,6, Jakobus 3,9), was seinen Wert begründet (Psalm 139,14). Auch der gefallene Mensch kann auf Gottes Reden reagieren (Römer 1,20-21) und wird für seine Reaktion zur Verantwortung gezogen (vgl. Römer 1,24).

Bedingungslose Erwählung

Gemeinsam erkennen wir an, dass das Thema Erwählung ein wichtiges biblisches Thema darstellt. Gläubige werden im Neuen Testament als Erwählte oder Auserwählte bezeichnet (z.B. 1.Korinther 1,26-27), was auf Gottes aktives Handeln im Leben von Menschen hinweist, damit diese durch den Glauben an Jesus errettet werden können (1.Korinther 12,3). Diese Erwählung ist unabhängig von menschlichen Vorzügen oder Leistungen und kann in diesem Sinn als bedingungslos bezeichnet werden.

Uns erscheint es sinnvoll zu betonen, dass das biblische Erwählungskonzept weit über die Erwählung zur Rettung hinausgeht. Meistens wird Erwählung im Neuen Testament für ganze Gruppen beschrieben (z.B. 1.Thessalonicher 1,4) und oft in Bezug auf konkrete Aufgaben (z.B. Epheser 1,3ff.). Wo es um Erwählung zur Rettung zu gehen scheint (wenn z.B. Christen als Erwählte ohne nähere Spezifizierung erwähnt werden) steht das rückblickende Staunen im Vordergrund über das Zusammenwirken von Gottes Handeln und der menschlichen Reaktion darauf (z.B. 1.Petrus 2,9-10). Darüber hinaus zeigt der Begriff der Erwählung an, dass Gott eine Entscheidung für uns als Christen getroffen hat, uns also ganz bewusst dabei haben wollte in seinem Reich und dafür mit einem hohen Preis bezahlt hat. Das macht unser Leben wertvoll. Das genaue Zusammenspiel zwischen Gottes erwählendem Wirken und dem vertrauenden Handeln des Menschen bei dessen Rettung bleibt letztlich ein Geheimnis, das wir nicht bis ins Detail auflösen können und wollen (vgl. 2.Petrus 1,10). Beides ist aber nach Aussage der Bibel notwendig (Philipper 2,12-13). Dass wir in der Bibel bei häufigem Vorkommen des Begriffes „Erwählung“ so gut wie keine Stellen über „Nicht-Erwählte“ finden, jedenfalls nicht in Bezug auf die Rettung, muss uns hier zu äußerster Vorsicht mahnen, in unseren logisch erscheinenden Gedanken nicht über den biblischen Befund hinauszugehen. Die auf diese Weise entwickelte „doppelte Prädestination“, also die göttliche Erwählung oder Vorherbestimmung für die einen zur Rettung, für die anderen aber zur Verlorenheit, lehnen wir aus diesem Grund ab.

Begrenzte Sühne

Gemeinsam erkennen wir an, dass Jesus auf die Erde gekommen ist, um verlorene Menschen vor Gottes gerechtem Gericht zu retten (1.Timotheus 1,15). Jesus wurde von Gott zum Sühneort für Gläubige (Römer 3,22-26). Die Sühne von Jesus reicht für jede individuelle Ungerechtigkeit (1.Johannes 1,9). Dabei müssen wir feststellen, dass nicht alle Menschen die durch den Sühnetod von Jesus gewirkte Rettung erfahren (Johannes 3,18-19). Die Sühne durch Jesus ist also in ihrer konkreten Auswirkung auf die Gläubigen begrenzt.

Im Unterschied zu manchen Calvinisten sehen wir als Ursache für das Verlorengehen von Menschen nicht ihre Nicht-Erwählung durch Gott, sondern ihre Ablehnung von Gottes Rettungsangebot. Gott möchte, dass alle Menschen gerettet werden (1.Timotheus 2,4) und hat dafür alles Erforderliche getan (1.Johannes 2,2). Die Sühnung des Menschen ist also nicht von Gottes Seite her begrenzt, sondern durch die Ablehnung des Menschen. Aus einer rein logisch weiterentwickelten Erwählungslehre ziehen manche Calvinisten den Schluss, Gott würde nur die Erwählten lieben; eine Aussage, die wir z.B. aufgrund von Johannes 3,16 ablehnen.

Unwiderstehliche Gnade

Gemeinsam wissen wir, dass unser Gott ein Gott der Gnade ist (z.B. 2.Mose 34,7). Seine Gnade geht von Jesus Christus aus (Johannes 1,14+16+17). Gläubige werden ohne ihren Verdienst allein aus Gnade gerettet (Römer 3,24). Gemeinsam mit den Calvinisten erkennen wir an, dass Gott allmächtig ist (z.B. 2.Korinther 6,18), dass ihm also kein Mensch widerstehen kann (Römer 9,19-20).

Unterschiede zu manchen Calvinisten sehen wir in der Frage, inwiefern Gott seinen Willen tatsächlich umsetzt. Obwohl Gott will, dass alle Menschen gerettet werden (1.Timotheus 2,4) geschieht dies offensichtlich nicht. Obwohl Gott unsere Heiligung als Gläubige will (1.Thessalonicher 4,3) möchte er, dass wir dabei mitmachen, was nicht immer der Fall ist. Unserer Einschätzung nach liegt das an der Würde, die Gott speziell dem Menschen gegeben hat. Er möchte unsere freiwillige Zustimmung zu seinen Plänen. Seine Liebe zu den Menschen beinhaltet es, dass Gott auch ihre schmerzliche Ablehnung seiner Gnade akzeptiert (vgl. Markus 10,21-23).

Das Beharren der Heiligen

vgl. hierzu auch das Dokument „Heilsgewissheit und Heilssicherheit“ der Gemeindeleitung aus dem Jahr 2019

Gemeinsam erkennen wir an, dass Gott alles tut, damit Gläubige Gottes Ziel auch erreichen (Philipper 1,6).

Insgesamt verstehen wir den Calvinismus als theologische Richtung, die besonders Gottes Größe und Souveränität betont. Auch wir sehen diese Eigenschaften als zentrale Wesensmerkmale Gottes. Allerdings haben wir die Sorge, dass es bei einer extrem einseitigen Betonung dieser Lehre zu einer theologischen und anthropologischen Schieflage kommen könnte, wenn Gott nämlich nicht mehr nur souverän, sondern willkürlich und der Mensch nicht mehr nur sündig, sondern zugleich auch wert- und willenlosen gesehen würde. So sehen wir im Calvinismus eine berechtigte Herausforderung an unser Denken über Gott, die allerdings wie andere theologische Lehrsysteme auch bei extremer Betonung zu einer Irrlehre werden kann.

Gemeindeleitung der FCG / Tübingen, 19.06.2025